Do 05.08.2010
Schmutziger Süden
Von Ulrich Kriest
TV PREMIERE MONTAG, 16. AUGUST UM O:10 IM ZDF
TV PREMIERE MONTAG, 16. AUGUST UM O:10 IM ZDF
Henning hat ein unverschämtes Lächeln und immer großen Hunger. Er wäre gern der "Traum aller Frauen", aber in Hamburg reicht es meist nur zu einer Nacht, bevor er von den toughen Hamburgerinnen wieder vor die Tür gesetzt wird. Bevor die ganze Geschichte zu frustrierend wird, spielt ihm der Zufall in die Hände. Als Drogenkurier soll er ein Päckchen nach München transportieren, wo es ihm so scheint, als seinen "drei von zwei Frauen tagelang ungeduscht und ungefickt". Offenkundig liegt das Paradies dieses mit wenig mehr als Selbstbewusstsein ausgestatteten übersexualisierten Womanizer an der Isar, wo sich der in Hamburg gescheiterter Macho bald wie ein Hecht im Karpfenteich bewegt.
Nachdem Klaus Lemke jahrelang in Hamburg oder auf Jamaika, Ibiza und Goa drehte, ist er mit "Schmutziger Süden" jetzt nach München zurückgekehrt, um rund um die in Schwabing gelegene Universität neue Bilder für diese Stadt zu entdecken, die es ihm sogleich heimgezahlt hat, indem sie ihm 2010 den "Filmpreis der Stadt München" verlieh. Während Henning in Hamburg jeden Morgen das Feld räumen musste, da seine "Dienste" nicht weiter beansprucht wurden, entwickelt er in München eine adäquate Geschäftsidee, die er von James Taylor geklaut haben könnte: Wenn jemand einen "Freund" braucht, kommt er, der präpotente und extrovertierte Charme-Bolzen, angelaufen. Als Drogenkurier macht er keine gute Figur, was ihm anfangs etwas Ärger einhandelt, aber von einer Entführung lassen sich Henning und der Film nicht weiter irritieren. Schließlich hat er eine Mission zu erfüllen: Junger Hamburger (20) rettet München!" In München, so Lemke, tun die Mädchen alles dafür, nicht das zu bekommen, was sie brauchen: Liebe. Da kommt Henning wie gerufen.
Seit "Die Leopoldstraße kills me" (2000) arbeitet Lemke mit minimalem Budget und maximalem Enthusiasmus. Für den gewünschten Flair des Authentischen in seinen "Jugend"-Fantasien sorgen glänzend gecastete Laiendarsteller und dokumentarische Einschüsse in die Handlung. Spielte "Finale" (fd 38 231) vor dem realen Hintergrund der Fußball-WM 2006, sind Teile von "Schmutziger Süden" nun in der temporären Bar "Horses, Cars & Stars" angesiedelt, die im Sommer 2009 in der Münchner Schellingstraße existierte. Der unbekümmerte Umgang mit dem Drehbuch sorgt dafür, dass der Film zeitweise auch ein Gangsterfilm sein könnte, was irgendwann aber keine Rolle mehr spielt, weil die Geschichte einen anderen Verlauf nimmt. Vielleicht, so könnte man meinen, stammen die Anfangssequenzen an der Nordsee und in Hamburg sogar aus einem Filmprojekt, das Lemke nicht weiter verfolgt hat. Wenngleich der Film eine Wiederdeckung Münchens ist, stellt Lemke doch klar, dass der prinzipielle Unterschied zwischen Hamburg und München bestehen bleibt. Wo es in Hamburg um Leben und Tod geht, bleibt München niedlich; hier gibt es noch getrennte Fächer in Kühlschränken und Klobrillen, die sich selbst herabklappen; mögen die Töchter auch wild und gefährlich leben, existieren doch Väter, die die Miete zahlen, Neuwagen vor die Tür stellen und kumpelhaft zum Essen einladen. In München ist die Fallhöhe einfach geringer; selbst der sinistre, von Brad Pessi gespielte Gangster sieht aus wie Louis Cyphre in "Angel Heart" (fd 26 378) wie auch Henning vielleicht nur die Schwabing-Version von Richard Gere in "American Gigolo" (fd 22 460) ist.
"Schmutziger Süden" ist ein konzentrierter Schwabing-Film, vom Eiskanal über den legendären Club "Pl" bis zur Türkenstraße. Alle anderen "München" -Signale spart Lemke aus. Interessant ist, wie souverän der mittlerweile fast 70-jährige Filmemacher in der Gegenwart surfen kann, weil diese so retro geworden ist, dass Lemke auf verzwickte Weise schon wieder "hip" erscheint. Auf dem Soundtrack des Films hört man prominent Alan Vega, Blondie, Malakoff Kowalski und viel Neo-Disco von Jonas Imbery aus dem Umfeld des "Gomma"-Labels, etwa Amanda Lear zu Giorgio-Moroder-Rhythmen. Manchmal textet Lemke für das "Gomma"- Projekt Munk; Malakoff Kowalski wiederum bebilderte seinen Videoclip zu "Andere Leute" komplett mit Bildern aus Lemke-Filmen der frühen 1970er-Jahre. Eine Hand wäscht die andere. Am Schluss verschwindet Henning, der - man ahnt es längst - kein Hamburger ist, in der Menge; zurück bleiben die Beute und eine enttäuschte Frau. Solche "unmoralischen" Schlusspointen haben den Münchner Filmemachern um Lemke und Thome schon in den 1960er-Jahren gefallen. Ulrich Kriest
